Darf meine Kunst gut sein?
Über Freiheit und das Nicht-Gefallen-Müssen
Manchmal frage ich mich, ob ich mir selbst etwas vormache. Ob das, was im Atelier entsteht, wirklich zählt – oder ob ich mir diese Arbeit nur erlaube, weil ich es kann. Ob ich Künstler bin oder doch in erster Linie Lehrer, der nach der Schule zur Säge greift.
Ich habe Kunst nicht klassisch studiert. Keine Akademie, kein Meistertitel. Kunst auf Lehramt. Immer wieder stoße ich auf diese Grenze – meist nicht offen ausgesprochen. Gilt ein Weg ohne Akademie überhaupt als künstlerischer Weg? Dann frage ich mich, worum es hier eigentlich geht. Um die Kunst – oder um Lebensläufe? Um das Werk – oder um Zugehörigkeiten? Es wirkt seltsam, wenn ein Titel wichtiger ist als ein Kunstwerk.
Diese Gedanken lassen mich nicht kalt. Sie bringen mich ins Zweifeln. Das merke ich besonders, wenn ich meine Arbeiten zeige. Wenn nicht die Figur interessiert, sondern zuerst die Frage, wer ich bin und wo ich herkomme. Genau das habe ich erlebt: dass Gespräche so beginnen. Nicht mit der Figur, sondern mit meinem Weg. Wo ich studiert habe. Bei wem ich war. Für einen Moment zählt nicht, was da steht, sondern meine Geschichte.Muss ich an der Akademie gewesen sein, damit meine Kunst gilt? Ist sie nur dann akzeptiert, wenn ich den richtigen Stempel im Lebenslauf habe? Darf Kunst wirklich an Ausbildungswegen scheitern? Ich gehe morgens in die Schule und abends ins Atelier. Das ist kein Kompromiss – es ist meine Stärke. Ich muss nicht darauf warten, dass mir jemand erlaubt, mich Künstler zu nennen.
Wenn ich davon leben müsste, hätten Geld, Markt und Erwartung Macht über meine Entscheidungen. Ich müsste die Formen glätten und die Figuren entschärfen, damit sie dem Markt gefallen. Rücksicht nehmen auf das, was gerade schick ist. Aber weil ich mein Geld anders verdiene, kann ich im Atelier rücksichtslos sein. Auch mir selbst gegenüber. Die Brüche in meinen Figuren sind deshalb keine persönlichen Bekenntnisse, sondern eine formale Entscheidung – das Ergebnis meiner Freiheit. Sie kosten Zeit, Material, manchmal ein fast fertiges Werk. Ich kann es mir leisten, so lange an einer Figur zu sägen, bis sie wahr ist – ohne darauf zu schielen, ob sie genügend Geld reinbringt, um zu überleben.
Vielleicht ist das ein Punkt, den der Kunstbetrieb oft übersieht: dass Qualität auch dort entsteht, wo man nichts mehr beweisen muss. Wo man nicht mehr gefallen will, sondern nur noch dem Werk verpflichtet ist. Das klingt nach Luxus – und vielleicht ist das ja mein Luxus. Vielleicht darf meine Kunst genau deshalb gut sein. Nicht trotz meiner Freiheit, sondern genau wegen dieser Freiheit.