<- Gedanken aus dem Atelier

Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Hat das Relevanz?

 

Die Frage kommt immer wieder. Meist, wenn es ruhig wird im Atelier und die Figuren einfach nur dastehen. „Hat das Relevanz?“ – die Frage, die der Galerist Johann König einmal gestellt hat und die mich seitdem nicht mehr loslässt. Nicht für Kataloge oder Ausstellungen. Sondern ganz schlicht: Ist das wirklich notwendig?

Wenn ich ehrlich bin, ist die erste Antwort: Nein. Die Welt braucht das nicht. Sie braucht Essen, Wärme, ein Dach über dem Kopf. Sie braucht keine grob gesägte Holzfigur mit zu großen Füßen. Es gibt genug Dinge, genug Zeug, das irgendwo herumsteht. Wenn Relevanz heißt, dass es das Überleben sichert, dann bin ich hier falsch.

Aber mit dieser Antwort kann ich nicht leben, sonst müsste ich eigentlich aufhören. Also muss ich die Frage anders stellen. Nicht: Braucht man das? Sondern: Bewirkt es etwas? Trifft es überhaupt irgendwen? Ist die Figur mehr als nur ein Objekt, das man ignorieren kann?

Dieser Zweifel nervt mich. Ständig diese Kontrolle. Ständig diese Überprüfung: Hat es Gewicht? Oder ist es nur Holz? Aber ich merke auch, dass dieser Zweifel mich antreibt. Er verhindert, dass ich bequem werde. Er zwingt mich immer wieder zu fragen: Ist das noch echt? Oder habe ich gerade wieder etwas gemacht, das nur „schön“ aussieht?

Ich spüre recht genau, wann eine Figur für mich gescheitert ist: In dem Moment, in dem sie nichts verlangt. Wenn man einfach an ihr vorbeigehen kann wie an einem Möbelstück. Wenn sie sich widerstandslos einfügt und „passt“. Dann habe ich nur Dekoration produziert. Dann ist sie für mich wertlos, egal wie viel Arbeit drinsteckt. Das sind bittere Momente.

Relevanz hat nichts mit Schönheit zu tun. Nichts mit Zustimmung und auch nichts mit Notwendigkeit. Relevanz heißt für mich, dass etwas nicht egal ist. Dass eine Figur irritiert, zum Nachdenken zwingt – und sich nicht einfach einfügt. Wenn das nicht passiert, hat sie verloren.

Man braucht meine Kunst nicht wie ein Werkzeug zum Überleben. Aber man braucht sie vielleicht als Gegenentwurf. Um etwas zu sehen, das in unserer optimierten Welt sonst übersehen wird – das Unperfekte, Verletzlichkeit, echte Präsenz. Wenn ich sehe, wie eine Figur einen Raum besetzt und ihn verändert, ohne ein Wort zu sagen, dann ist der Zweifel für einen Moment still. Dann ist es keine theoretische Frage mehr. Die Figur behauptet sich einfach. Sie ist da.

Ob das am Ende für jeden Bedeutung hat, liegt nicht in meiner Hand. Ich kann niemanden zwingen, hinzusehen. Aber ich kann mich weigern, etwas Belangloses zu machen. Mein einziger Anspruch ist, dass die Figur dort steht und Widerstand leistet. Dass sie nicht einfach im Raum verschwindet. Wenn das gelingt, hat sie ihren Platz gefunden. Und das reicht mir, um die Säge wieder anzuwerfen.

mehrere kleine Holzskulpturen liegen auf einem Haufen am Boden in der Natur