<- Gedanken aus dem Atelier

Die Lüge vom großen Plan

Wenn die Bedeutung erst am Ende steht

 

Manchmal denke ich: Mein Weg fühlt sich zu einfach an. Zu unkompliziert für das, was Kunst sein soll. Oft heißt es in der Kunst: Erst die Idee. Der Sinn. Die Botschaft. Du musst wissen, was du sagen willst, bevor du anfängst. Erst der Plan, das Modell. Dann setzt du es genau um. Das ist die Ordnung der Dinge.

Mein Weg funktioniert anders. Und genau das macht mich manchmal unsicher. Ich habe keinen Bauplan. Keine ausgearbeitete Skizze. Ich habe einen Stamm und den Lärm der Säge. Die Formen kommen nicht fertig aus dem Kopf – sie drängen sich auf, während ich arbeite. Mitten im Chaos wundere ich mich selbst über das, was entsteht. Über die Risse, die groben Schnitte, die plötzlich übergroßen Füße, die unförmigen Ohren. Es ist, als ob die Figur mir sagt, was sie sein will, nicht umgekehrt.

Manchmal ist eine Figur fertig. Sogar farbig gefasst. Dann warte ich – lange, manchmal Tage, manchmal Wochen. Aber dann spüre ich es: Sie lügt. Sie stimmt nicht. Es passt nicht. Also säge ich mitten in die Farbe. Ich zerstöre das Fertige, um zur Wahrheit zu kommen. Ich zerstöre, um zu finden.

Der Zweifel bleibt: Ist das überhaupt Kunst? Oder ist es nur Glückssache? Darf ich mich einfach treiben lassen – und dem Ganzen hinterher eine Bedeutung geben, um es rechtfertigen zu können?

Aber ganz ohne Gedanken fange ich nicht an. Es ist nicht willkürlich. Da ist immer ein Drang. Ein Funke. Eine innere Notwendigkeit, die mich zur Säge treibt. Der Unterschied ist nur: Ich weigere mich, diesen Funken zu einem starren Plan zu machen. Wenn ich stur einen vorab definierten Plan abarbeite, mache ich nur das, was ich ohnehin schon weiß. Die Figur wird dann nie klüger sein als ich selbst. Sie wird nur meine Gedanken ausführen. Aber das will ich nicht. Ich will, dass die Figur wächst. Dass sie mich überrascht. Dass sie mir etwas zeigt, das ich nicht geplant habe.

Und vielleicht ist genau das die Kunst daran. Nicht die fehlerfreie Umsetzung einer schlauen Idee. Kunst ist für mich eher die Sensibilität, im Lärm und im Chaos genau den Moment zu erkennen, wo es stimmt. Wo aus einem Stück Holz ein Gegenüber wird. Wo die Figur atmet. Wo sie wahr ist. Das kann man nicht berechnen. Das muss man spüren.

In unserer Welt wird viel zu viel geplant. Alles wird durchdesignt, optimiert, kalkuliert. Meine Arbeit ist der Gegenentwurf dazu. Sie ist der Beweis, dass die Intuition und das Bauchgefühl oft präziser sind als der rationale Plan.

Wenn eine Figur, die ohne Bauplan entstanden ist, plötzlich eine tiefe Wahrheit ausstrahlt, dann zeigt das: Das ist kein Zufall. Es ist das genaue Hinschauen im richtigen Moment. Das ist das Resultat davon, dass ich jeden Schnitt bewusst mache und gleichzeitig offen bleibe für das, was das Holz mir bietet. Es ist der einzige Weg, ehrlich zu bleiben.

Klaus Schwendner beim Sägen in die fertige Figur - Wenn die Bedeutung erst am Ende steht