<- Gedanken aus dem Atelier

Die Notwendigkeit des Unbequemen

Über das Schöne jenseits der Perfektion

 

Der Gedanke kommt immer wieder: Bin ich Künstler? Oder bin ich einfach jemand, der mit der Kettensäge Figuren aus dem Holz schneidet? Manchmal denke ich, ich müsste es eigentlich sauber zu Ende bringen. Glätten. Schleifen. Perfektionieren. So, wie man es erwartet. Oder fehlt mir einfach die Geduld? Müsste ich länger daran arbeiten, genauer werden, um es makellos zu machen? Und wenn ich es gar nicht besser kann – wäre es dann ein Makel? Oder genau das, was meine Arbeit ausmacht?

Doch immer dann, wenn ich versuche, es besser zu machen, merke ich, wie die Figur stirbt. Etwas geht verloren. Da ist ein Widerstand. Wenn ich weitermache, wird es gefälliger, aber es sagt weniger. Und trotzdem bleibt die Frage: Verstecke ich mich hinter dem Groben – oder entscheide ich mich bewusst dafür?

Vielleicht ist mein vermeintliches Nicht-Können in Wahrheit ein radikales Nicht-Wollen. Deshalb ist das auch kein Kampf gegen Schönheit. Mich interessiert eine Schönheit, die nicht geschniegelt sein muss. Eine, die sich nicht nach Normen und Idealen richtet, sondern nach Echtheit. Wir haben uns daran gewöhnt, alles zu verbessern, zu korrigieren, zu perfektionieren – bis nichts mehr stört und jede Spur von Widerstand verschwindet. Doch nicht alles gewinnt durch Glätte. Diese Art von Perfektion wirkt irgendwann leer. Wenn eine Figur Spuren trägt, ist sie nicht weniger schön. Schönheit kann auch dort entstehen, wo etwas kantig und rau ist – weil es echt ist. Weil es nicht versucht, jemand anderes zu sein.

Man muss es auch erst mal können, das scheinbar Unfertige auszuhalten. Es erfordert Kraft, den vermeintlichen Fehler stehen zu lassen und nicht zu korrigieren. Vielleicht ist genau das die Kunst daran: die bewusste Weigerung, das zu glätten, was etwas erzählt. Ich glaube, viele unterschätzen, wie viel Kontrolle im Unperfekten steckt. Es ist nicht das schnelle Drauflossägen. Es ist das Stehenlassen. Das Nicht-Zurechtrücken, obwohl man es könnte – zumindest wenn man lange genug weitermacht. Und genau da wird es für mich ehrlich: nicht bei der Frage, ob ich alles kann. Sondern bei der Frage, was ich opfere, wenn ich es tue. Wenn Perfektion plötzlich mehr zählt als Ausdruck, verliere ich etwas. Das hat nichts mit Nachlässigkeit zu tun. Es ist eher eine Art Freiheit vom Ideal.

Der Mensch, der mich interessiert, ist kein makelloses Bild. Er ist widersprüchlich, ungenau, voller Brüche. Gibt mir ein übergroßer Fuß oder eine falsche Proportion nicht mehr als anatomische Korrektheit? Vielleicht muss man nicht alles beherrschen. Vielleicht reicht es, zu wissen, wann man aufhören sollte. Ob das Kunst ist oder einfach mein eigener Weg, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich ihn nicht anders gehen kann. Und nicht anders gehen möchte.

große, zeitgenössische Holzskulptur Bella - Schönheit jenseits von Perfektion