Die Zumutung der Figur
Vom Aushalten des Gegenübers
Es gibt Figuren, die wollen gefallen. Sie sind still. Sie ordnen sich ein. Man kann sie ansehen, bewundern, abhaken. Sie stellen keine Fragen. Sie verlangen nichts.
Meine Figuren tun das nicht. Im Gegenteil: Ich glaube, dass sie für manche Menschen schwer auszuhalten sind. Liegt es an ihrer Nacktheit? An den verschobenen Proportionen, an den zu großen Füßen, den Schnitten, Kerben, Verletzungen und verdrehten Haltungen?
Viele Menschen reagieren mit Irritation. Manche mit Ablehnung. Man sieht es ihnen an. Der Blick wird kürzer. Unruhiger. Es ist, als hätten sie etwas gesehen, das sie nicht sehen möchten. Ich beobachte, wie Blicke an ihnen hängen bleiben und zugleich ausweichen wollen. Als gäbe es keinen sicheren Abstand. Man weiß nicht: Darf man näher treten? Will man sich ihnen zumuten? Oder kommen sie einem selbst zu nah?
Nacktheit ist dabei nur die Oberfläche. Die eigentliche Zumutung liegt wohl darin, dass sich meine Figuren nicht eindeutig verhalten. Sie erzählen nichts Fertiges. Sie erklären sich nicht. Sie bieten weder eine Lösung an noch verlangen sie Zustimmung. Sie stehen einfach da. Ohne sich aufzudrängen. Aber sie entziehen sich auch nicht. Sie lassen sich weder dekorativ einordnen noch schnell konsumieren. Sie sind weniger Darstellung als Haltung. Man kann an ihnen vorbeigehen – aber nicht, ohne sie wahrzunehmen. Vielleicht liegt genau darin die Zumutung: dass man den Figuren nicht ausweichen kann, ohne sich selbst auszuweichen.
Manchmal frage ich mich, warum ich das überhaupt will. Warum ich diese Figuren nicht versöhne, nicht glätte, nicht entschärfe. Es wäre einfacher. Verständlicher. Akzeptierter. Vielleicht, weil ich mich weigere, auszuweichen. Weil ich merke, wie schnell wir gelernt haben, wegzusehen, sobald etwas unbequem wird. Und vielleicht entsteht aus diesem Widerstand gegen das Wegsehen eine Verantwortung: Die Figuren nicht gefällig zu machen, sondern ihnen zu erlauben, so stehen zu bleiben.
Ich will niemanden erschrecken um des Erschreckens willen. Ich möchte, dass man merkt, dass das Unbequeme nicht das Gegenteil von Schönheit sein muss. In einer Welt, in der vieles perfekt sein will, zeigen meine Figuren das Gegenteil: dass Schönheit nicht nur in Harmonie steckt. Man erkennt das vielleicht erst in dem Moment, in dem man nicht wegschaut. Wenn man bleibt. Wenn man es aushält.
Die Figuren geben keine Antworten. Sie lösen nichts auf. Sie lassen Fragen im Raum stehen: nach Körper, nach Verletzlichkeit, nach dem, was als „richtig“ gilt. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sie unbequem werden. Ob diese Zumutung notwendig ist, weiß ich nicht. Ob man sie aushalten muss, auch nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass sie dort aufhört, wo man nicht mehr nur schaut, sondern sich selbst mit ins Bild nimmt. Als Gegenüber.