Charlie ist eine etwa 50 cm hohe Holzskulptur aus Kirschholz und Teil der Serie der Engel. Wie alle Arbeiten dieser Reihe verweigert sich auch diese Figur einer eindeutigen Lesart des Engelmotivs. Statt einer idealisierten Erscheinung zeigt sich ein menschlicher Körper, roh herausgearbeitet, aufrecht und zugleich in sich verschoben. Die Figur steht mit deutlich betonten Beinen fest im Raum, während der Oberkörper leicht verdreht wirkt. Die Haltung erzeugt eine Spannung zwischen Stabilität und innerer Bewegung. Die Arme bleiben eng am Körper, allerdings ist ihre rechte Hand auffällig groß und nach vorn gezogen. Diese Geste wirkt wie ein Halten, Schützen oder ein In-sich-Zusammenziehen – eine körperliche Setzung, die der Figur trotz ihrer Ruhe eine spürbare innere Spannung gibt. Der Kopf ist klein gehalten und nur angedeutet – nicht als Porträt, sondern als formaler Ruhepunkt, der den Blick über den Körper führt, statt ihn festzulegen. Die Oberfläche trägt die Spuren der Kettensäge offen zur Schau. Schnitte, Ausrisse und Brüche bleiben sichtbar und bestimmen den Charakter der Arbeit. Einzelne farbige Akzente – insbesondere die rötliche Fassung an einer Körperseite – wirken wie Setzungen, die den natürlichen Ton des Kirschholzes nicht überdecken, sondern kommentieren. Vorder- und Rückseite unterscheiden sich deutlich: Während die Front eher gesammelt erscheint, öffnet sich die Rückansicht durch eine vertikale Spaltung, die das Innere des Materials preisgibt und den fragmentarischen Charakter der Figur verstärkt. Charlie bewegt sich damit im Spannungsfeld zwischen menschlicher Figur und formaler Reduktion. Die Skulptur gibt keine Richtung vor, sondern bleibt offen für Interpretation – als stehende Gestalt, als Moment des Innehaltens oder als Bild einer verletzlichen, zugleich widerständigen Präsenz. Als kleine Holzskulptur verdichtet sie zentrale Themen meiner Arbeit im kompakten Format und behauptet ihre Wirkung unabhängig von Größe oder narrativer Eindeutigkeit.